Glockenklänge vom Schienenstrang

die Stendaler Sammlung von Eisenbahn-Läutewerken

Die Läutewerke sind seit etwa 1965 bei den deutschen Eisenbahnen ausgemustert, und fast alle wurden verschrottet. Kindheitserinnerungen an die Läutewerke und deren bewusstes Erleben im Eisenbahnalltag waren für Wolfgang List der Anlass, einige von ihnen möglichst betriebsfähig in einer Sammlung vor dem Vergessen zu bewahren. Ab 1846 verkörperten sie als Kombination altbewährter (Turmuhr-)Mechanik mit der damals neuzeitlichen Elektrotechnik hochmoderne Signalmittel bei den noch jungen Eisenbahnen. Sie wurden innerhalb kürzester Zeit zu betriebssicheren Vollautomaten(!) durchkonstruiert. Nur noch wenige sind in einschlägigen Museen aufzufinden, können aber in der Regel weder vorgeführt noch sachkundig erklärt werden.

Der Anstoß zum Aufbau der Stendaler Sammlung kam im Sommer 1985. Am 16. August 1986 konnte das erste Streckenläutewerk, zusammengetragen aus verschiedenen Baugruppen und Einzelteilen von mehreren Fundstellen in der DDR, in Betrieb genommen werden.

Nach einigen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Fernsehbeiträgen meldeten sich Sammler und Eisenbahnfreunde aus dem In- und Ausland, die Rat und Hilfe suchten oder Tauschangebote unterbreiteten. Noch im Jahr 1990 ist ein komplettes Konsolläutewerk im mecklenburgischen Malchin abgebaut worden, ein Jahr darauf ein Glockenoberteil bei Frankfurt/Oder. Es konnten nicht nur komplette Läutewerke erworben werden, sondern auch

Einzelteile bis hin zu seltenen Triebwerken. In zahllosen Stunden wurden aus Ruinen wieder funktionsfähige Repräsentanten der urtümlichen Signalmittel in möglichster Originaltreue.

Inzwischen verfügt die größte deutsche Sammlung betriebsfähiger elektromechanischer Eisenbahnläutewerke über 30 Exponate, die einen repräsentativen Überblick über die wichtigsten deutschen und einige ausländische Läutewerke bietet. Die Sammlung soll durch weitere Exponate angereichert werden, um von möglichst vielen verschiedenen Herstellern wenigstens einen Vertreter jeder Bauform präsentieren zu können. Ältere Eisenbahner haben so manches Bahnsteig-, Zimmer- oder Tischläutewerk nach deren Ausmusterung als Erinnerungsstück mit nach Hause genommen. Damit diese Läutewerke nicht nach deren Ableben in den Schrott oder auf den Flohmarkt wandern und in unkundige Hände geraten, gilt ihrem Aufspüren das besondere Bemühen.

Die Mithilfe der Besucher der Stendaler Sammlung ist dabei durchaus erwünscht!

Alles Wissenswerte über diese altertümlichen Signalmittel haben Wolfgang List und Hans-Wolfgang Harden in ihrem Buch „Elektromechanische Läutewerke der Eisenbahnen“ (ISBN 978-3-933254-99-3), das im Jahr 2010 im VBN Verlag Bernd Neddermeyer in Berlin erschien, ausführlich abgehandelt.

 

Die Sammlung  befindet sich auf einem Grundstück in der Stendaler Innenstadt und kann nach vorheriger Terminabstimmung unter Telefon 03931-214684 besichtigt werden.
 

Wolfgang List
Weberstraße 22
39576 Stendal
Tel.: 03931-214684

 

 

Warum gab es Läutewerke?

In der Anfangszeit des Eisenbahnwesens mussten die Bahn- und Schrankenwärter über das Geschehen auf der Strecke (Ankündigung von Zugfahrten, Signalisierung von Gefahr) informiert werden, denn es gab noch kein Telefon. Mit den elektromechanischen Läutesignalanlagen konnten Informationen in Form von Läutesignalen fernübertragen werden. Einer bestimmten Anzahl von Glockenschlägen war ein ganz bestimmter Signalbegriff zugeordnet, was im Signalbuch festgeschrieben war. Mit der Anzahl der Glockenschläge erfuhren die Wärter die Abfahrt des Zuges und seine Fahrtrichtung. Eine Läutelinie reichte stets von einem Bahnhof über alle Schrankenposten bis zum nächsten Bahnhof. Wenn der Fahrdienstleiter einen Zug „abläutete“, schickte er einen Stromstoß durch die Läuteleitung, der alle Läutewerke zugleich in Gang setzte. Darauf hin hatten die Wärter die Schranken zu schließen. Rückfragen der Wärter waren über dieses System nicht möglich.

Solch eine Signalanlage wirkte zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei allen Witterungsbedingungen und unabhängig von der Jahreszeit.

Die Thüringische Eisenbahngesellschaft hatte im Juni 1846 auf der Strecke Halle-Merseburg-Weißenfels als erste deutsche Bahngesellschaft eine elektromechanische Läutesignalanlage mit 39 Läutewerken in Betrieb genommen. Bald folgten alle anderen deutschen Eisenbahngesellschaften.

Läutewerke standen an den Bahn- und Schrankenwärterposten sowie an den Stellwerken und Blockstellen aller Hauptbahnen und aller jener Nebenbahnen, die mit mehr als 40 km/h befahren wurden. Über 120 Jahre lang waren sie ein unentbehrliches Signalmittel der deutschen Eisenbahnen.